Die Facharbeit

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung……………………………………………………………………………………………………..3

  1. Die Kinomusik in der Stummfilmzeit……………………………………………………………..4

    1. Mechanische Stummfilmbegleiter…………………………………………………………………..5

    2. Live gespielte Kinomusik………………………………………………………………………………6

      1. Die Kinoorgel………………………………………………………………………………………………7

  1. Die Kinoorgel

exemplarisch dargestellt an der Welte Kinoorgel in Leipzig……………………………9

    1. Definition……………………………………………………………………………………………………9

    2. Funktionsweise und Wiederaufbau ………………………………………………………………..10

      1. Regierwerk………………………………………………………………………………………………….10

      2. Windwerk……………………………………………………………………………………………………16

      3. Pfeifenwerk…………………………………………………………………………………………………16

    3. Erbauer und Verbreitung……………………………………………………………………………….19

    4. Kinoorganisten und Spielorte…………………………………………………………………………19

  1. Eigene Erfahrungen mit der Welte Kinoorgel Leipzig…………………………………….21

5. Schlussbemerkung………………………………………………………………………………………..25

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Medienverzeichnis

Anhang

  1. Die Kinomusik in der Stummfilmzeit ( 1895 – 1930 )

Als die Stummfilmzeit wird die Zeitspanne der Filmgeschichte von ihren Anfängen bis zur Einführung des Tonfilms bezeichnet. Der Film war ohne synchron zum Film ablaufende Töne, Geräusche oder Sprache, diese wurden erst bei der Vorstellung, live oder durch mechanische Musikinstrumente, hinzugefügt. Bereits die ersten erfolgreichen Versuche von Auguste und Louis Lumière ( 1886 ) schnell aufeinander folgende Bilder zu einem Film zu verbinden, wurden von einem Klavierspieler begleitet. Auch die Geschichte der Kinoeffekte nahm hier ihren Anfang. Die in Lumières Bildern dargestellten Geräusche zum Beispiel die eines am Bahnhof ankommenden Zuges, wurden durch die Geräuschkulisse eines Kompressors imitiert. So entstand die Kinomusik also gleichzeitig mit der Entwicklung der ersten Schwarzweißfilme.

Die tatsächliche Stummfilmzeit begann allerdings erst 1895 mit der Zeit der „Wanderkinos“. Denn erst ab da begannen die Filmvorführer von Stadt zu Stadt zu „wandern“, um ihr „Theater der bewegten Fotografien“ in Zelten und Buden zu präsentieren. Das Programm bestand gewöhnlich aus Naturszenen, Nachrichten, witzigen Sketchen, körperlich gewandten Einlagen, künstlerischen Vorträgen und Kurzbeiträgen über lokale Ereignisse. So entwickelte sich auch die Kinomusik dem entsprechend weiter und die Besucher der „Wanderkinos“ konnten sich über neue Orchestrions1 freuen, in welche man Groschen einwarf um zu einem Film Musik hören zu konnte. Die Instrumente spielten Symphonien, Opernouvertüren, aber auch Märsche und Tanzmusik.

Um 1900 entwickelten sich dann die ersten festen und dauerhaften Kinematographentheater2, die auch als „Ladenkino“ bekannt waren. Mit der Zeit strömten immer mehr Besucher aus unterschiedlichsten Gesellschaftsgruppen in die Kinos und schon bald traten bekannte Theaterschauspieler in den Filmen auf. Mit der Entwicklung der „Ladenkinos“ zu größeren Kinopalästen, begannen ihre Besitzer eigene Kinomusiker anzustellen. Bis 1939 stieg die Zahl der Kinomusiker in Deutschland auf etwa 12 000 Personen.

Der Einbau von Apparaturen zur Stummfilmbegleitung und die Anstellung von Kinomusikern in den Filmpalästen, war ein sehr kostenspieliger Aufwand. Die Kinobesitzer hatten jedoch verschiedene Gründe einen solchen Aufwand zu betreiben: Mit der Kinomusik konnte man zunächst weitere Interessenten in die Anfangs leeren Kinos locken. Darüber hinaus sah man einen guten Nebeneffekt darin, dass die Musik die störenden Laufgeräusche des Projektors überdeckte. So meinte W. Adorno 1969 in der „Neuausgabe München“:

Psychologisch gesehen hat die Musik ängstliche Gemüter, in einem dunklen Raum neben fremden Menschen sitzend, beruhigt. Ohnehin erschien manchem das „lebende Bild“ anfangs wie Zauberei, und ein scheinbar in den Zuschauerraum rasender Zug wie bei Lumières „Ankunft des Zuges in La Ciotat“ konnte durchaus erschrecken.“

Eine weiterer Grund war sicher auch, dass die tonlose Filmhandlung mit musikalischer Untermalung, das Leben und dessen Geräusche und Gefühle viel besser wiederspielgelte als ohne.

2.1 Mechanische Stummfilmbegleiter

Mechanische Begleiter sind Musikmaschinen, die es ermöglichen Melodien mittels Notenwalzen- oder Stiftwalzen zu speichern. Dabei werden die auf dem Speichermedium angebrachten Informationen durch eine bestimme Mechanik in Töne und somit in Melodien verwandelt. Eine frühe Form der mechanischen Begleiter waren zum Beispiel die bekannten Spieluhren und Spieldosen.

Eine besonders kreative Variante für den Einsatz einer Stiftwalze, zeigte die Straßentheatergruppe „Dynamogène“ beim Augsburger „Gaskesseltreiben“ vom 2. bis 4.10.08. Mit Hilfe elektrischer Schaltungen (Abb. 1) und mechanischer Umsetzung, gelang es ihnen durch das Drehen der „gezackten“ Stiftwalze, verschiedene Instrumente wie z. B. eine Trommel, eine Gitarre und ein Akkordeon (Abb. 2) an- und auszuschalten bzw. mechanisch in Klänge umzusetzten.

Abb.1: „Gezackte“ Stiftwalze Abb. 2: Instrumente

Gaskesseltreiben

Gaskesseltreiben

Gaskesseltreiben

Gaskesseltreiben

Ein ähnliches Instrument wie das oben genannte, wurde ab 1895 zur Untermalung von Stummfilmen eingesetzt.

Das mechanische Orchestrion sollte im Kinosaal ein ganzes Orchester imitieren. Unter anderem entstand auch eine bis heute populäre Form des Orchestrions, die Jahrmarktsorgel. Einen Schritt in Richtung Kinoorgel vollbrachten schließlich die Continental Musikwerke Hofmann und Czerny. Sie brachten 1913 ein erweitertes Orchestrion heraus, das mit Konzertpiano, Harmonium3, zahlreichen Orchesterinstrumenten und Effektgeräuschen, einen geeigneten Klangteppich für einen Film erzeugen konnte.

Ein weiterer Apparat, der ab 1895 den Stummfilm im Kino begleitete war das Grammophon und die Schallplatte. Mit ihnen konnten Geräusche, Klänge und Töne als Schallwellen akustisch fixiert, konserviert und reproduziert werden. Das Grammophon und die Schallplatte blieben „über die Zeit der Wander- und der Ladenkinos hinaus Bestandteil des Programms, besonders kleinerer und finanzschwacher Unternehmen“ 4.

2.2 Live gespielte Kinomusik

Die Mechanischen Begleiter stehen in Konkurrenz zu den live gespielten Begleitinstrumenten, wohingegen hier anstatt einer Musikmaschine ein lebendiger Mensch am Werk ist. Im Folgenden wird eine Reihe von Instrumenten und Gruppierungen vorgestellt, die zur Live- Begleitung im Kino dienten.

Das Klavier gehörte mit der Kinoorgel zu den bekanntesten Begleitinstrumenten der Stummfilmzeit. Aus dem Kinosaal wird oft von „populären, auf dem Klavier improvisierten Melodien5 berichtet. Mancher Pianist verwendete bekannte Melodien, die er für bestimmte Szenen hernahm, z.B.: Polka und Galopp zu komischen, Konzert- oder Opernteile zu dramatischen Szenen. Es kam auch vor, dass einfach nur eine Hintergrundmusik aus beliebig zusammengestellter Musik gespielt wurde. Diese wurde allerdings, ähnlich wie bei den meisten Musikautomaten, ohne Bezug zu den einzelnen Filmszenen, gespielt.

Das Harmonium ist ein Tasteninstrument, bei dem der Ton, ähnlich wie bei der Mundharmonika, durch verschieden lange Durchschlagzungen erzeugt wird, die von Luft umströmt in Schwingung versetzt werden. Das Harmonium besitzt sog. „schwebende Stimmen“, die eine gewisse sphärische Klangwirkung erzeugen. Da es in den Kinopalästen oft an Geld und Platz mangelte, ersetzten das kleinere und billigere Harmonium des öfteren den Platz der Kinoorgel.

Das Oskarlyd ist eine von der Walcker Lüdke GmbH hergestellte Pfeifenorgel in Schrankgröße, die in Ensembles mitspielte. Der Vorteil, selbst der kleinsten Orgel, lag in ihrer polyphonen Spielbarkeit, die einen vielstimmigen Akkord ermöglichte und bei Bedarf auch ein abwesendes Orchestermitglied ersetzten konnte.

Das Orchester trat in unterschiedlichen Zusammensetzungen von Duos, Trios, Quartetten, Salonorchestern, Kapellen bis hin zu den Symphonieorchestern mit 75 und mehr Musikern, auf. „Eine beliebte kleine Besetzung war das Klaviertrio mit Violine und Cello. Gelegentlich ergänzt durch ein Schlagzeug.“6 Darüber hinaus schreibt Karl Heinz Dettke in seinem Buch „Kinoorgeln und Kinomusik in Deutschland“, dass sich die Kinokapellmeister für ihre Orchester geeignetes Notenmaterial zusammenstellen mussten, da sich erst seit Beginn unseres Jahrhunderts Originalkompositionen zu den Filmen entwickelten. Dettke berichtet außerdem von Kinokapellen, die zu den Filmen eine Reihe von Musikstücken und Phantasien spielten, die meistens an dem Inhalt des Filmes vorbeigingen. Da den hohen Anforderungen an einen Kinomusiker oder Kapellmeister nicht viele gewachsen waren, etablierten sich einige wenige Kinoorchesterschulen und staatliche Filmmusikschulen.

Die Rhythmusinstrumente mussten nicht nur Rhythmus und Takt halten, sie sollten auch so weit es den Spielern möglich war, Effektgeräusche, wie Ohrfeigen, zerbrechende Gläser oder Pistolenschüsse nachstellen. Diese kamen „ zum Gaudium des Publikums oft zu früh oder zu spät.“ 7

2.2.1 Die Kinoorgel

Die Kinoorgel, die „Königin“ der Kinomusik stellt den Höhepunkt in der Entwicklung von live gespielten Kinoinstrumenten dar. Sie ersetzt alle Klänge, die unter Punkt 2.2 genannten Instrumente. Das Klavier in seiner Interpretationsvielfalt (s. Punkt 4, S. ), das Harmonium in seiner sphärischen Klangwirkung (s. Anhang, CD, Hörbeispiele Nr. 6/14), die Oskarlydorgel in ihrer polyphonen Spielbarkeit (s. Anhang, Hörbeispiel Nr. 10), das Orchester (s. Anhang, Musik von Jesse Crawfort, Lied Nr. 1) und die Rhythmusinstrumente (s. Anhang, Hörbeispiele 10/17). Die Kinoorgel übertrumpfte sogar die mechanischen Orchestrions und Grammophone in ihrer Klangqualität. Sie ersetzte nicht nur alle anderen Begleitinstrumente der Stummfilmzeit, sondern konnte auch zusätzliche Kinoeffekte wie Donner, Vogelgezwitscher oder das Geräusch einer Autohupe erzeugen (s. Anhang, Präsentation des Effektenapparates, Hörbeispiel Nr. 17). Alle Effekte und Klänge konnten von einem Organisten und von einem Spieltisch aus betätigt werden.

Die Kinoorgel erlaubte so eine kontinuierliche, flexible, dem Bildablauf (angepasste) und von Notenvorlagen, wie Mitspielern unabhängige musikalische Gestaltung des Stummfilms.“

Karl Heinz Dettke sah in der Kinoorgel „die Zukunft des Orgelbaus, eine Konzertorgel, die dem Film dient und einen Sprung zum Orchester“ macht, zu einem „Orchester in einer Person mit individuellsten Vortrage, das Zukunftsinstrument einer neuen Musik.“8

  1. Die Kinoorgel,

exemplarisch dargestellt an der Welte Kinoorgel in Leipzig

Im Folgenden möchte ich genauer auf die Kinoorgel eingehen. Ich habe dazu die Welte Orgel im Grassi Museum in Leipzig genauer untersucht.

    1. Definition

Das zusammengesetzte Substantiv „Kinoorgel“ geht in seinen beiden Wortteilen auf das griechische zurück. Aus dem griechischen kinéo (bewegt) und grapho (schreiben) entwickelte sich mit den Brüdern Lumière 1894 der Kinematograph. Das neunsilbige Wort, viel zu lang für den volkstümlichen Gebrauch, wird schließlich zu „Kino“ verkürzt. Die „Orgel“ ist dem griechischen Wort órganon und dem lateinischen „organum“ entlehnt, was Werkzeug, Gerät, Organ oder Instrument bedeutet.“ 9

Das Wort Orgel tritt in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen auf. Es gibt:

  • Die mechanischen Orgeln mit Pfeifen: Dreh-, Tanz- und Jahrmarktsorgeln

  • Die Orgeln mit Klaviatur, die statt Pfeifen Zungen haben: Mundorgel (Mundharmonika), Zungenorgel (Harmonium) und Handorgel (Akkordeon) und

  • Orgeln mit Klaviatur, die Pfeifen haben: Kirchenorgeln, Konzertorgeln, Truhenorgeln und Kinoorgeln.

1978 veröffentlichte Carl Dahlhaus und Heinrich Eggebrecht im Brockhaus Riemann Musiklexikon, die Definition von „Kinoorgel“ folgendermaßen:

Kinoorgel, eine Orgel, die bei kleinem Pfeifenbestand technisch aufwendig ausgerüstet ist (z.B. mit Schweller10 oder Transmission11) und eine große Zahl von Nebenregistern besitzt, die Geräusche der Umwelt (Vogelgezwitscher, Telefonklingel) oder Instrumente (Gong, Xylophon) imitieren. Die Kinoorgel begegnet im 1. Drittel des 20. Jh. in amerikanischen und europäischen Lichtspielhäusern, wo sie der Illustration von Stummfilmen diente.“

Kinoorgeln sind also Pfeifenorgeln, die neben den unterschiedlichen Holz- und Metallpfeilen, auch noch über zusätzliche Schlaginstrumente und Vorrichtungen zur Erzeugung von Spezialeffekten, verfügen.

3.2 Funktionsweise und Wiederaufbau

Zur Erläuterung der Funktionsweise wird die Kinoorgel unterteilt in:

      1. Regierwerk

      2. Windwerk und

      3. Pfeifenwerk

Da die Welte Kinoorgel an ihrem ursprünglichen Standort im Palasttheater Erfurt 1965 abgebaut wurde und in Einzelteilen zerlegt im Grassi Museum Leipzig eingelagert wurde, sind die Kenntnisse über Aufbau und Funktionsweise der Orgel sehr genau belegt. Ähnlich einem Puzzle, mussten zuerst alle Einzelteile gesichtet und sortiert werden, um dann deren Funktion und Anordnung im Instrument zu bestimmen (Abb. 3 und 4).

Effektenapperat 1Effektenapperat 2

      1. Das Regierwerk

Das Regierwerk der Welte Kinoorgel besteht aus dunklem Holz und Registern in Altweiß. Seine Bestandteile sind der Spieltisch mit Manualen, Pedal und Registriereinrichtungen (Abb. 5). Der Spieltisch ist der einzige Teil der Welte, der vom Kinobesucher sichtbar ist. Er steht rechts neben der Kinoleinwand und ist im dunklem Raum schwach beleuchtet.(Abb. 6)

Kinoorgel

Kinoorgel

Abb. 5: Spieltisch Abb. 6: Kinoorgel bei der Stummfilmbegleitung

In anderen, großen Kinopalästen inszenierte man die instrumentalen Neuheiten attraktiv mit schwungvollen Verzierungen und zusätzlichen Showeffekten, wie seitlich angebrachten Lichtern, die automatisch oder nach Wahl des Spielers den Vortrag begleiteten. Manche Kinoorgeln, wie die aus den großen UFA12 Palästen, schwebten beim Solospiel mittels einer Hebebühne aus der Tiefe nach oben.

Die wichtigsten Teile des Spieltisches sind die zwei Manuale und Pedal.

Die untere Klaviatur (1. Manual) mit 61 Tasten von C bis c4 ist ein Begleitmanual. Mit diesem können die folgenden Klänge gespielt werden: Viol d‘ Orchestre, Traversflöte 8’13(Querflöte), Tibia clausa 8’ (vgl. Abb.15), Violine 4’, Flöte 4’, Aeolsharfe 2’ und Flageolet 2’ (Fagott).

Die obere Klaviatur (2. Manual), ebenfalls mit 61 Tasten von C- c4, ist ein Solomanual. Die folgenden Klänge sind mit diesem zu spielen: Bordun 16’(Basspfeife), Aeoline 8’, Flöte 8’, Tibia clausa 8’, Violine 4’, Tibia 4’, Aeolsharfe 2’und Piccolo 2’.

Das Pedal, mit 30 Tasten von C bis f’, stellt schließlich mit Stillgedeckt 16’ (geschlossene Pfeife), Subbass 16’, Cello 8’und Flötenbass 8’, die Bassbegleitung dar.

Die Register werden in Hufeisenform und als Druckzungen um die oberste Spielebene aufgereiht (vgl. Abb. 5). Auch die Anordnung des Pedals ist nicht gerade, wie es bei der traditionellen Orgel üblich ist. Die äußeren Fußpedale sind etwas höher angebracht, als die inneren. Diese Form ist für den Organisten günstiger, da sie die Außenpedale dem Organistenfuß näher bringt.

Die Registerzungen (Abb. 8) tragen den Namen der Stimme nebst Fußlage. Mit „Fuß“ ist zunächst ein altes Längenmaß gemeint. Es gibt die Tonhöhe eines Pfeifenregisters an, das nach der größten und tiefsten offenen zylindrischen Lippenpfeife14 gemessen wird. Beispiel: Tibia clausa 8’, d.h. hier erklingen Pfeifen in der Achtfußlage mit Klangcharakter Tibia. Die 8’ Lage ist die Mitteltonlage, von der man alle anderen berechnet. Stimmen in 4’ Lage klingen eine und Stimmen in 2’ Lage zwei Oktaven höher als die Mitteltonlage. Stimmen in 16’ Lage dagegen eine und in 32’ Lage zwei Oktaven tiefer als die Mitteltonlage. Schaltet man also alle Fußlagen ein, so sind auf einer Taste fünf Töne in Oktavabstand zu hören. Bei diesen reinen15 Oktaven handelt es sich jedoch um keine eigenständigen Obertöne, wie sie z. B. beim Spielen von Oktaven am Klavier zu hören sind. Zusätzlich gibt es Register mit einer gemischten Bruchzahl als Fußlage, man nennt sie die Aliquoten. Dann entspricht der Ton jedoch nicht dem „Namen“ der Taste, sondern ist eine höhere Quinte oder Terz. Durch diese Kombinationsmöglichkeiten von Registern verschiedener Fußlagen wird der Orgel eine ganz besondere, charakteristische Klangfülle verliehen.

Abb. 7: Spieltisch Abb. 8: Registerzungen, rote und blaue Kipphebel

Darüber hinaus besitzt die Leipziger Orgel noch eine Zahl von Hilfsregistern, die sich als Druckknöpfe unterhalb der Manuale befinden. Bei der Welte Orgel sind hierbei folgende bekannt:

Klaviaturkoppeln gibt es I/P, II/P, und II/I. Wird einer dieser Registerknöpfe gedrückt, so werden alle eingeschalteten Register eines Manuals einem anderen Manual oder dem Pedal hinzugefügt. Bei der Kombination I/P z. B. werden alle Klänge, die mit dem ersten Manual gespielt werden, auf das Pedal übertragen.

Von den Oktavkoppeln gibt es II/I super, I super und II super. Die Oktavkoppel lässt eine höhere (Super-) oder tiefere (Sub-) Oktave mitspielen. Sprich bei I super erklingt zu jeder Taste der ersten Klaviatur, eine höhere Oktave mit.

Außerdem befinden sich unter den Druckknöpfen auch noch 6 feste Kombinationen, 2 freie Kombinationen und das Hilfsregister „Handregister ab“. Feste Kombinationen sind entweder dynamisch ausgelegt z.B.: pp – p – mf – f – ff (5 Druckknöpfe von pianissimo bis fortissimo) oder schalten Klanggruppen bzw. Farbgruppen ein. Freie Kombinationen kann der Organist mittels kleiner, roter und grüner Kipphebel über den klingenden Registern nach eigener Wahl zusammenstellen und durch Druckknöpfe unterhalb der Manuale aktivieren. (Abb. 8 und 7). Diese Kombinationssysteme ermöglichen mit einem Knopfdruck die Umregistrierung eines Manuals oder der gesamten Orgel und damit Klangfarbe und Lautstärke, sekundenschnell zu wechseln. Das ist sowohl für die Stummfilmbegleitung, wie auch für ein Solospiel hilfreich. Das Hilfsregister „Handregister ab“ ermöglicht das sofortige Ausschalten der Register. Das konnte sehr nützlich sein, da es manchmal während des Spiels vorkam, dass bestimmte Register nicht mehr funktionierten. So konnte man störende Nebengeräusche vermeiden.

Eine weitere Funktion der Orgel ist das Tremolo. Die „Welte“ kann ein Streicher Tremolo, Flöten Tremolo und Zungen Tremolo erzeugen. Dies sind sog. „schwebende Stimmen“, die durch den Tremolanten erzeugt werden. Der Ton entsteht hier durch eine Lautstärkeschwingung, das heißt der Tremolant bringt die Luft in Schwingung, so dass diese abwechselnd mit einem hohen Druck und einem niedrigen Druck verschieden laute Töne erzeugt. Dadurch nimmt unser Ohr eine schwebende Stimme wahr, wie sie bei den Streichern oder Flöten auftritt.Eine weitere Gruppe von Registern ist den Schlagwerken zugeordnet. Diese Register tragen nur den jeweiligen Namen des betreffenden Instruments (Abb. 9/ 10).

Die Schlaginstrumente werden wie folgt unterteilt.

– Die Idiophone sind selbst klingendes Material, wie Metall oder Holz. Die Welte Orgel besitzt Idiophone aus Metall, welche sind: Becken, Gong stark, Gong schwach und Gong Wirbel, große Glocke, Glockengeläut, Stahlharmonika und Vibraphon und Idiophone aus Holz: Kastagnetten, Holzblock und Xylophon.

  • Die Chordophone erzeugen ihren Klang durch das Zupfen von Saiten aus Darm oder Metall. Die Kinoorgel versucht durch eine bestimmte Zusammensetzung aus Pfeifen einen solchen Klang zu erzeugen, besitzt aber eigentlich keine Instrumente dieser Art. Die Welte Orgel kann hier Violinen-, Cello- und Harfenklänge erzeugen.

  • Membranophone: Das sind Instrumente mit Fellbespannung. Die Welte Orgel besitzt eine kleine, sowie eine große Trommel, ein Tamburin und eine Pauke.

Zur letzten Gruppe von Registern gehören die zahlreichen Kinoeffekte der Orgel. Sie werden durch eine bestimme Kombination von Orgelpfeifen oder durch extern eingebaute Apparate, erzeugt. Bedient werden sie bei der „Welte“ durch große runde Fußknöpfe (Abb. 9): Donner, Sturm, Kleine Sirene, Schiffsirene, Gong stark, Große Glocke, Große Trommel, Becken stark, und kleine Trommel.

Der Rest der Effekte, wird wie auch ein Teil des Schlagwerks durch Registerzungen oberhalb der Manuale betätigt (Abb. 10):

Fußknöpfe zur Betätigung der EffekteRegisterzungen zur Betätigung der Effekte

Claxon (Autohupe), Vogelgesang I, Vogelgesang II, Wassergeräusche, Regen, der Klingelton eines Telefons, Alarmsignal, Schiffssirene und Eisenbahn- bzw. Lokomotivenpfiff.

Abb. 9: Fußknöpfe mit Kinoeffekten Abb. 10: Registerzungen mit Kinoeffekten

Das Innere des Spieltisches sieht für einen Laien auf den ersten Blick nach einem kaum durchschaubaren System von Drähten, Leitungen, Magneten und Kontaktbrettern aus. Nach dem II. Weltkrieg waren viele dieser Teile nicht mehr funktionstüchtig oder fehlten ganz, daher musste die elektropneumatische Ansteuerung der „Welte“ über Kabel, Elektromagnete und Kondukten größtenteils erneuert werden. Diese Verbindung von Tasten und Registriervorrichtungen im Spielschrank mit der Orgelkammer nennt man die Traktur.

Zur Funktionsweise der Orgeltraktur:

Die vom Spieler auf der Klaviatur und sonstigen Registriereinrichtungen ausgelösten Impulse, gelangen in das innere des Spielschrankes, wo sie zum entsprechenden Klangkörper der Kinoorgel weitergeleitet werden. Der Spieler schließt beim Niederdrücken einer Taste einen elektrischen Kontakt, wodurch die Umsetzung einer pneumatischen Aktion in einen elektrischen Impuls stattfindet. Die elektrischen Leitungen verlassen die Konsole gebündelt als Kabelbau und führen zum Schaltschrank, welcher zur Koordination der komplexen Schaltvorgänge dient. Von dort aus wird die Luftzufuhr und der zur Tonerzeugung nötige Winddruck, gesteuert.

Sobald der Spieler eine Taste drückt, wird das vom Schaltschrank durch Winddruck gesteuerte Bälgchen unter der Windlade aufgeblasen. Dadurch wird ein Ventil gesteuert. In Abb. 11 ist das Ventil im Ruhezustand, es wird zugedrückt. Das bedeutet, dass auf dem Ventil, sowie auf beiden Seiten der Spielbalgplatte Wind lastet. Drücken wir die Taste nieder (Abbildung 12), dann wird das Steuerungsventil auf die Öffnung im Windkammerboden gepresst. Nun lastet der Wind auf dem Ventil und nur auf der einen Seite der Spielbalgplatte. Die Platte wird nach unten gepresst und zieht dabei das Ventil auf. Die Kanzelle erhält Wind, die Pfeifen der gezogenen Register klingen.

Die Kinoorgel aus Leipzig besitzt anstatt der Spielbälgchen einen Wippenmagneten. Jede der Pfeifen besitzt ihr eigenes, elektromagnetisch gesteuertes Ventil. Das ermöglicht es dem Spieler, die einzelnen Pfeifen vielseitiger zu nutzen.

Abb.11 und 12: Funktionsweise einer pneumatischen Tonkanzellenlade

      1. Das Windwerk

Abb. 13: Das Innere einer Windkammer

Das Windwerk besteht aus Gebläse und Windladen. Das Gebläse versorgt das Pfeifenwerk mit gleichmäßigem Wind. Dieser strömt über Magazinbälge (Abb.13), Haupt- und Nebenkanäle in die hölzernen Windladen (Abb. 14), auf denen die Pfeifen stehen. Die Kinoorgel aus Leipzig besitzt Kastenladen, diese trennt nicht nach Tönen oder Registern. Sämtliche Pfeifen stehen auf einem oder mehreren großen Windkästen und jede der Pfeifen besitzt ihr eigenes, elektromagnetisch gesteuertes Ventil, das Spielwind freigibt, sobald ein Register eingeschaltet und eine Taste gedrückt wird.

3.2.3 Das Pfeifenwerk

Das Pfeifenwerk besteht aus Lippen- und Zungenpfeifen. Ihr Klang entsteht wenn ein

umgrenzter Raum, wie etwa eine Pfeife, zum Schwingend gebracht werden kann. Das funktioniert, indem man komprimierte Luft über eine Kante oder Lippe leitet.

Die Mehrzahl der Orgelpfeifen gehören zu den Lippenpfeifen. Diese erzeugen Flöten-, Prinzipal- und Streicherklänge. Ihre Tonerzeugung gleicht der einer Blockflöte oder Pfeife. Wenn ein Register oder eine Taste betätigt wird, öffnet sich das elektromagnetisch gesteuerte Ventil und der Wind strömt in den Pfeifenfuß, passiert die enge Kernspalte und prallt auf eine Kante. Ein Teil der Luft versetzt die Pfeife in Schwingungen. Je länger die Pfeife und die darin schwingende Luftsäule, desto tiefer ist der Ton und umgekehrt. Es gibt Pfeifen, die oben offen sind, diese klingen eine Oktave tiefer als die oben geschlossenen. Die meist rechteckige Öffnung zwischen Unter- und Oberlippenkante beeinflusst die Klangschärfe (Höhe des Aufschnitts) und die Tonstärke (Breite des Aufschnitts). Es gibt Holzpfeifen und Metallpfeifen (Abb.15), erstgenannte klingen infolge der gedämpften Obertöne weicher, Metallpfeifen durch stärkere Obertöne etwas schärfer.

Abb. 14: Windladen in Orgelkammer; Abb. 15 : Rechts: Tibia, gedeckt Pfeife aus Metall

Links: Querflöte aus Holz

Durch Veränderung der Maßverhältnisse (Mensur: Verhältnis Länge zu Durchmesser) ändern sich die Klangfarben innerhalb eines Registers. Die Mensur dient somit der schematischen Einteilung der Lippenpfeifen in drei Gruppen:

    • den Flöten: Sie sind weit mesuriert

    • den Prinzipalen: Sie sind eng mensuriert

    • und den Streichern, welche sehr enge mensuriert sind.

Um den Ton eines Streichinstruments zu imitieren werden also bei gleicher Tonhöhe schmalere Pfeifen als bei den Prinzipalen verwendet. Je weiter mensuriert, desto voller und weicher der Klang, je enger, desto schärfer, geigenähnlicher ist der Klang. Letztendlich ist der Winddruck auch noch verantwortlich für die Klangfarbe der Pfeife. Ist dieser hoch, so schärft und stärkt er, ist er niedrig, so mildert und schwächt er den Ton.

Jeder Ton setzt sich aus dem Grundton und seinen oberen Teil- oder Partialtönen zusammen, welche die Klangfarbe bestimmen. Der Klangcharakter wird charakterisiert durch die Anzahl und Kombination der Obertöne. Viele kräftige Obertöne ergeben einen hellen, streichenden bis geschärften Klang, wenige schwache einen weichen Klang, dessen Partialtöne kaum hörbar sind. Offene Lippenpfeifen geben die Obertonreihe mehr oder weniger stark wieder, gedeckte Pfeifen dagegen nur die ungeradzahleigen Teiltöne, sie klingen daher hohl oder nasal. Bei den Stimmen der Welte Orgel gibt es zusätzlich „schwebende Stimmen“. Hierzu zählen: Vox humana (menschliche Stimme), Vox humana Echo, Vox humana eine Oktave höher und Vox coelestis. Dabei werden zwei Pfeifen gleicher Tonhöhe leicht verstimmt, bis etwa acht Hertz Differenz. So tritt eine Schwebung bei identischer Fußlage ein, die sowohl eine Lautstärke- als auch eine Tonhöhenschwingung hervorruft.

Bei Zungenpfeifen wird der Ton ähnlich wie bei der Mundharmonika von einer im Windstrom schwingenden Zunge erzeugt. Die Tonhöhe hängt von der Länge der Zunge ab, der Klang vom verwendeten Metall (Messing oder Phosphorbronze), der Zungenform und –dicke. Eine breite und dünne Zunge klingt obertoniger, eine schmale und dicke grundtoniger. Die Leipziger Kinoorgeln besitzt als Zungenregister Oboe, Fagott und Saxophon.

Aufgrund von Platz- und Kostenersparnis praktiziert der Orgelbau sog. Transmissionen, diese erlauben ein Register einer Klaviatur auf einem anderen Manual spielbar zu machen. Das in der „Welte“ verwendete Multiplex- System ist im Grunde die Extremform der Transmission. Aus nur einer Pfeifenreihe werden hier mehrere Register verschiedener Fußlagen gezogen. Prinzipiell ist die Möglichkeit, aus nur einer Pfeifenreihe zahlreiche Register unterschiedlicher Fußlagen zu ziehen, sehr groß. Mit nur sechs Pfeifenreihen und 450 Pfeifen lassen sich so beispielsweise 39 klingende Register in den Lagen 16’, 8’, 4’, 2 2/3’, 2’, und 1 3/5’ realisieren. Die komplizierte Steuerung der Mehrfachnutzung fast jeder Pfeifenreihe erfolgt mit Hilfe des elektropneumatischen Schaltschrankes.

Die Intonation der Orgel erfolgte am Aufstellungsort im Grassi Museum Leipzig, da diese wesentlich von der Akustik und der Temperatur des Raumes abhängig ist. Bei der Intonation werden die Pfeifen auf genaue Tonlänge geschnitten oder durch Stimmvorrichtungen am Pfeifenkörper auf die exakte Tonhöhe gebracht.

Schließlich muss dann noch die Lautstärke der Kinoorgel geregelt werden. Dazu steht das gesamte Pfeifenwerk samt Beiwerk in der Orgelkammer (Abb.14). Diese hat nur eine Öffnung zum Zuschauerraum hin, welche durch eine verschiebbare Jalousie geöffnet oder geschlossen werden kann. Der Organist kann mit dem Schwelltritt, der oberhalb der Pedalklaviatur liegt die Jalousie des Schwellkastens weiter öffnen bzw. schließen und so die Lautstärke der Kinoorgel steuern.

3.3 Erbauer und Verbreitung der Kinoorgeln

Als der „Vater“ der Kinoorgel wird der englische Orgelbauer Robert Hope- Jones (1859 – 1914 ) bezeichnet. „Auf ihn sind neun Zehntel aller Erfindungen im Orgelbau jener Jahre zurückzuführen.“16 Da Hope Jones als noch unbekannter Orgelbauer zunächst wenig Erfolg hatte, ging er nach Amerika und stieg bei der amerikanischen Orgelfirma Wurlitzer ein. In Zusammenarbeit mit dieser gelang es ihm die „Wurlitzer Hope- Jones Unit Orchestra“ Orgeln zu produzieren. Den großen Erfolg seiner Orgel erlebte Hope Jones jedoch leider nicht mehr. Bis Ende der Stummfilmzeit wurden weltweit 2200 Kinoorgeln verkauft. So ist die Firma Wurlitzer bis heute die größte und bekannteste Instrumentenfabrik für Kinoorgeln überhaupt. Die zweit größte ist die amerikanische Instrumentenfabrik „Robert Morton Company“, die etwa 800 Orgeln verkaufte Weitere erfolgreiche amerikanische Firmen waren Barton, Kilgen, Kimball, Marr & Coton und Möller. Auch in Großbritannien waren die Kinoorgeln sehr beliebt. Berühmte englische Orgelfabriken waren Compton, Conacher, Spurden Rutt und Christie. Vor allem der Klang der Wurlitzer traf im Ausland, wie auch in deutschen Lichtspielhäusern auf große Beliebtheit. So konkurrierten die aus Amerika importierten Wurlitzer Orgeln vor allem mit den wohl bekanntesten deutschen Kinoorgeln der Firma Welte. Auch die von mir besuchte Leipziger Kinoorgel wurde von „Michael Welte & Söhne“, einer Fabrik für pneumatische Musikwerke in Freiburg erbaut. Die Preise für solch eine Welte Kinoorgel reichten von ca. 15 500,- bis zu 60 000,- Reichsmark. Eine der berühmtesten Welte Orgeln bis heute, ist die Funkorgel in Hamburg, die durch zahlreiche Sendungen in ganz Deutschland bekannt wurde.

3.4 Die berühmtesten Kinoorganisten und ihre Spielorte

Doch nicht nur die Orgel selbst vollzog einen Wandel, auch die Organisten mussten sich verändern. Die für eine kirchliche oder konzertante Tätigkeit geschulten Organisten waren für den Job an der Kinoorgel ungeeignet, da sie von Improvisations- und Unterhaltungsmusik nicht viel verstanden. Notenmaterial für die Kinoorgeln gab es nicht, Klavierstimmen oder Teile aus Orchesterpartituren konnten zwar synchron zum Film arrangiert werden, doch war dies mit einem sehr großen Aufwand verbunden. So dachte man schließlich an die Klavier- und Harmoniumsspieler, die ohnehin schon die Stummfilme begleiteten. Diese verstanden jedoch recht wenig vom Handwerk des Orgelspielens, denn die Kunst klangharmonische, abwechslungsreiche und die zum richtigen Zeitpunkt einsetzende Registrierung gelang nicht ohne jahrelange Übung. Letztendlich zeigten sich dann diejenigen Organisten den neuen Aufgaben am ehesten gewachsen, die ein Gefühl für musikalischen Ausdruck und die Fähigkeit zur ideenreichen Improvisation hatten. Ihr Ausbildungsort und Prüfungsergebnis war dabei sekundär. So konnte sich einer der berühmtesten Kinoorganisten Horst Schimmelpfennig schon als fünfzehnjähriger sein Taschengeld am Spieltisch einer Kinoorgel in Hamburg verdienen. Der neu entstandene Job an der Kinoorgel fand vor allem in der Kinohochburg Berlin (zwischen 1921 und 1931) seinen Zulauf. Allein hier wurden 31 Kinoorgelinstallationen in UFA- Palästen und anderen Lichtspielhäusern installiert. An zweiter Stelle der Kinohochburgen stand Köln mit 10 Kinoorgelinstallationen. Sodann folgten Hamburg und Frankfurt am Main. München verzeichnete damals nur drei Kinoorgelinstallationen. Einige Kinoorganisten, wie auch Horst Schimmelpfennig, wurden durch zahlreiche Schallplatten und über Rundfunk in Deutschland berühmt. Neben Schimmelpfennig waren diese Ernst Fischer, Macel Palotti, die ca. 50 Schallplatten veröffentlichten, Adolf Wolff und Hanns Sieber die rund ein Duzend Schallplatten veröffentlichten. In Deutschland waren neben Host Schimmelpfennig auch noch die Musiker Mile Sagawe und Erwin Christoph bis in die ersten Kriegsjahre im Rundfunk zu hören.

Doch nicht nur in Zeiten des stummen Films waren die Kinoorganist eine Attraktion, bis heute wirkt ihre Verzauberungskunst in wenigen Kinos weiter. Dies gelang vor allem durch die zahlreichen Kinoorgelclubs auf der ganzen Welt, die sich nach der Einführung des Tonfilms gebildet hatten. Sie alle setzten sich zum Ziel, die „Orgelikone“ zu erhalten und regelmäßige Konzerte zu veranstalten.

40 Jahre nach der Gründung und mit weltweit über 5800 Mitgleidern ist A.T.O.S (American Theatre Organ Society) zu einer wichtigen und unverzichtbaren Einrichtung in Nordamerika geworden.“17

Bis heute organisiert A.T.O.S Orgelkonzerte in prächtigen amerikanischen Filmpalästen, die nicht selten durch zahlreiche Beleuchtungstricks und Verglasung der Wand zwischen Zuschauer und Beiwerk, von ihrer alten Attraktivität zurück gewinnen. In Großbritannien organisiert „The Cinema Organ Society“ noch regelmäßige Kozerte, Vorträge und Workshops. Dank des großen Engagements werden auch hier noch etwa 60 Cinema Organs öffentlich wie privat bespielt. In den USA sind es sogar über 250 Theater Organs. In Deutschland ist man auf vergleichsweise wenig Orte und Veranstaltungen angewiesen18,

wie z. B. auf das Grassi Museum in Leipzig, wo die Welte Kinoorgel zum Auftakt der Stummfilmtage vom 28.3 bis 25.5.08 bespielt wurde. Am Spieltisch saß Tobias Rank, der mit seiner Improvisationskunst das Publikum in den Bann zog. Tobias Rank ist bekannt für seine Improvisationskunst und seine Klavierkurse an der Hochschule für Musik und Theater (Fachbereich Jazz / Musical) und der Musik- und Kunstschule „Clara Schumann“ in Leipzig.

Ein weiterer zeitgenössischer Stummfilmpianist ist Carsten Stephan Graf von Bothmer, welcher seit 1998 über 200 Stummfilme an der Kinoorgel oder am Klavier begleitet hat.

Abb. 16

Abb. 16

5 Schlussbemerkung

Mit der heutigen Filmmusik, wie wir sie in der Regel im Kino erleben, wird der vielseitigen Interpretationskraft durch die Musik ein Ende gesetzt, indem der Film von vorn herein in eine feste Richtung gelenkt wird. Somit fällt auch das Wortspiel zwischen Kinomusik und „Musikkino“ aus. Die Musik muss sich jetzt strengen Regeln der Synchronität unterwerfen. So spricht man hier von komponierter, synchron zum Film laufender Musik, also von Filmmusik. Das hat meines Erachtens fatale Folgen für den Künstler- und Eventgehalts des Kinoerlebnisses. Der Kinofilm wird nämlich zu einem beliebig oft und immer nur mit der selben Interpretation abspielbaren Ding, einer DVD oder Filmrolle. Wohingegen die Kinomusik den Stummfilmabend zu einem Unikat macht, dessen individueller Konzercharakter bei jeder Aufführung verschieden ist und erst bei seiner Aufführung an Glanz gewinnt.

Literaturverzeichnis

Dettke, Karl Heinz: Kinoorgeln und Kinomusik in Deutschland; Stuttgart, Weimar; 1995

Dettke, Karl Heinz: Kinoorgeln: Installationen der Gegenwart in Deutschland. Mit Beiträgen von Dagobert Liers. Frankfurt am Main; 1998

Dettke, Karl Heinz: Kino- und Theaterorgeln: eine Internationale Übersicht. In Zusammenarbeit mit Thomas Klose. Marburg; 2001

Lindlar Heinrich: Wörterbuch der Musik, Frankfurt am Main; 1989

Dahlhaus Carl und

Heinrich Hans: Brockhaus Riemann. Musiklexikon. Erster Band A-K; Wiesbaden; 1978

Kotz Hans: Das Buch von der Orgel. Über Wesen und Aufbau des Orgelwerkes, Orgelpflege und Orgelspiel; Kassel, Basel; 1979

Quellenverzeichnis

Artikel: Die Kinoorgel – oder: Entertainment at its best; aus der Artikelammlung: Das Musikinstrument Band 35; Heft 10; Oktober 1986

Artikel: Die große Welte- Funk- Orgel in Hamburg, Seggermann Günter; aus dem Heft: Ars Organi; 56. Jahrgang; März 2008

Medienverzeichnis

Orgelkonzert heute:Video in YouTube St Albans Organ Theatre Concert – Len Rawle

http://de.youtube.com/watch?v=3umUqxHyG3o

Internetseite des Grassi Museums Leipzig zur Kinoorgel:

http://mfm.uni-leipzig.de/_dt/dasmuseum/Kinoorgel.php

Internetseite vom Orgelhersteller Jehmlich:

http://www.jehmlich-orgelbau.de/deutsch/restaurationen/orgel_grassimuseum.htm

CD ligt bei

Alle verwendeten Bilder sind selbst Fotografiert.

1 Das O. wird auf S. 6 genauer erklärt

2 Vom griechischen kinéo= bewegt und grapho= schreiben

3 Das H. wird auf Seite 7 genauer erklärt

4 Dettke Karl- Heinz: „Kinoorgeln und Kinomusik in Deutschland“ S. 23

5 H. Pauli 1981, S. 39 aus dem Buch „Kinoorgeln und Kinomusik in Deutschland“

6 Dettke Karl- Heinz, „Kinoorgeln und Kinomusik in Deutschland“ S. 27

7 Dettke Karl- Heinz, „Kinoorgeln und Kinomusik in Deutschland“ S. 27

7

8 Dettke Karl Heinz, „Kinoorgeln und Kinomusik in Deutschland“ S. 176

9 Dettke Karl Heinz, „Kinoorgeln und Kinomusik in Deutschland“ S. 123

10Mit Hilfe des Schwellwerks lässt sich die sonst unveränderbare Lautstärke einzelner Register oder Registerkombinationen verändern.

11Lat. transmittere= übertragen; Ein Register wird z.B. von einem Manualen ins Pedal übertragen

12 Universum Film AG

13 Auf diese Bezeichnungen gehe ich noch später ein.

14 Deren Tonerzeugung gleicht der einer Blockflöte oder Pfeife. Genauer wird im Teilbereich Pfeifenwerk darauf eingegangen.

15 Unter rein versteht man eine simple Frequenzverdopplung.

16 Dettke Karl Heinz, „Kinoorgeln und Kinomusik in Deutschland“ S.113

17 Dettke Karl Heinz, „Installationen der Gegenwart in Deutschland“, S. 208

18 Liste der in Deutschland installierten und bespielbaren Kinoorgeln finden Sie im Anhang.

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~ von kruemal - 1. Februar 2009.

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